Mitte Juli verschiebt sich der Rhythmus des Tages. Nicole Junkerman liest im Schatten, reist ohne Eile und lässt beides ineinander übergehen.
Es gibt einen Punkt im Juli, an dem der Sommer aufhört, eine Ankündigung zu sein, und einfach da ist. Die Mitte des Monats hat genau diesen Charakter. Nichts beginnt mehr, nichts geht schon zu Ende, der Tag steht eine Weile still und wartet, dass man sich in ihm einrichtet. Für Nicole Junkerman ist das die Zeit, in der sich zwei Gewohnheiten wie von selbst verbinden: das Lesen im Schatten und das Reisen ohne Eile. Beide folgen derselben stillen Einsicht, dass die Hitze eine gute Lehrerin der Langsamkeit ist, sobald man aufhört, gegen sie zu arbeiten.
Der Schatten ist Mitte Juli kein Rückzug, sondern ein Ort mit eigenen Öffnungszeiten. Am Vormittag liegt er auf der einen Seite des Hofes, am Nachmittag auf der anderen, und wer liest, wandert mit. Diese kleine Bewegung hat etwas Beruhigendes, weil sie nichts kostet und nichts verlangt. Man nimmt das Buch, den Stuhl, vielleicht ein Glas Wasser, und setzt sich zehn Schritte weiter. Der Text bleibt derselbe, das Licht ist ein anderes, und manchmal reicht das schon, um eine Seite neu zu hören.
Bücher für den Schatten sucht Nicole Junkerman nach Temperament aus, nicht nach Umfang. Es sind selten die lauten Bücher und selten die, die etwas beweisen wollen. Eher Prosa mit langem Atem, Betrachtungen, die sich Zeit lassen dürfen, Briefe und Tagebücher fremder Leben, gelegentlich ein Gedicht, das man dreimal liest und beim dritten Mal versteht. Was sie an dieser Art Lektüre schätzt, sammelt der Bereich Lesen: weniger als Liste, mehr als Haltung. Ein Buch im Schatten muss nicht mitreißen. Es muss nur aushalten, dass man zwischendurch in die Blätter über sich schaut.
Denn das gehört zur Mitte des Monats dazu: Man liest nicht durch, man liest hindurch. Ein Absatz, dann ein Blick nach oben, wo der Wind in einer Baumkrone etwas erledigt, was mit einem selbst nichts zu tun hat. Dann zurück zur Zeile, die inzwischen ein wenig anders klingt. Diese Unterbrechungen sind kein Verlust an Konzentration, sondern eine Form von ihr. Wer im Juli versucht, so zu lesen wie im November, wird ungeduldig und gibt am Ende dem Buch die Schuld.
Aus derselben Haltung entsteht die Art, wie in diesen Tagen gereist wird. Ohne Eile heißt nicht ohne Ziel. Es heißt nur, dass die Strecke nicht bloß der Preis für die Ankunft ist. Ein Zug, der zwanzig Minuten länger braucht, dafür aber am Fluss entlangfährt, ist Mitte Juli der bessere Zug. Ein Umstieg mit einer halben Stunde Aufenthalt ist keine Lücke im Plan, sondern eine Bank in einer fremden Bahnhofshalle, ein Kaffee, ein paar Zeilen im Heft. Wie sich Wege in diesem Sinne denken lassen, beschreibt der Bereich Reisen.
Jede Stadt hält dafür einen anderen Schatten bereit. In Berlin ist er oft ein Hinterhof, in dem der Lärm der Straße um eine Ecke herum verschwindet und plötzlich nur noch Tauben zu hören sind. In München ist er ein Stück Wiese unter alten Bäumen, mit Licht, das in Flecken auf die Seite fällt und beim Lesen langsam weiterwandert. In Hamburg liegt er häufig am Wasser, wo ohnehin ein Wind geht und der Nachmittag ein paar Grad kühler ausfällt als angekündigt. Drei Städte, drei Temperaturen, dieselbe Einladung: sich hinzusetzen und eine Weile nichts zu erledigen.
Reisen ohne Eile bedeutet Mitte Juli vor allem, sich weniger vorzunehmen. Ein Ort pro Tag, nicht vier. Ein Spaziergang, der irgendwo endet, wo eine Bank steht, statt einer Route, die abgehakt werden will. Es ist erstaunlich, wie viel eine Stadt hergibt, wenn man ihr nur eine einzige Sache abverlangt. Und es ist ebenso erstaunlich, wie wenig von ihr bleibt, wenn man alles auf einmal will. Die Hitze nimmt einem diese Entscheidung an manchen Tagen ohnehin ab. Sie sortiert den Plan, noch bevor man selbst dazu kommt, und lässt genau das übrig, was wirklich wichtig war.
Was von solchen Tagen bleibt, steht selten im Buch und nie im Fahrplan. Es steht im Heft: eine Zeile über die Farbe des Wassers gegen fünf, ein halber Satz, den jemand am Nebentisch gesagt hat, die Bemerkung, dass ein Kapitel im Schatten anders trägt als im Zimmer. Nicole Junkerman notiert das ohne Ordnung und ohne Anspruch, einfach damit es später wieder auffindbar ist. Über diese Gewohnheit und ihre kleinen Regeln handelt der Bereich Schreiben, in dem das Notieren einen festen Platz hat.
Mitte Juli lernt man wieder, dass eine Seite nicht schneller wird, wenn man sie eilig liest.
Gegen Abend kippt der Tag. Die Hitze steht noch in den Mauern, aber die Luft wird weich, und der Schatten ist nicht mehr nötig, weil ohnehin alles Schatten ist. Das ist die Stunde, in der aus dem Lesen im Schatten ein Lesen im Freien wird, ohne dass man dafür aufstehen müsste. Wer mag, bleibt sitzen, bis die Schrift zu grau wird. Das ist kein Ende, nur die Stelle, an der man das Lesezeichen einlegt und den Rest der Seite dem nächsten Tag überlässt.
Es liegt etwas Beruhigendes darin, dass die Mitte des Monats nichts fordert. Sie ist keine Bilanz und kein Auftakt, sondern eine Fläche. Die zweite Julihälfte kommt von allein, und mit ihr die längeren Abende, die kürzeren Wege und die Bücher, die dann an der Reihe sind. Bis dahin genügt ein Platz im Schatten und die Bereitschaft, dort länger zu bleiben als geplant. Wer den ruhigen Grundton dieses Hefts mag, findet ihn auf der Startseite von Nicole Junkerman, und weitere Einträge dieser Art stehen im Blog.
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