Reisen muss nicht schnell sein, um weit zu tragen. Nicole Junkerman über die Kunst, langsam unterwegs zu sein, und darüber, warum ein Weg mehr sein kann als der Preis für die Ankunft.
Etwas an der Art, wie in diesem Sommer gereist wird, hat sich beruhigt. Nicht überall und nicht bei allen, aber spürbar. Man hört seltener von Listen, die abgearbeitet werden wollen, und öfter von einem einzelnen Ort, an dem jemand ein paar Tage geblieben ist, ohne viel vorzuhaben. In dieser Bewegung liegt eine leise Zuversicht, ein Zutrauen, dass das Nächste schon wartet und nicht davonläuft. Für Nicole Junkerman ist das kein Verzicht, sondern eine Fertigkeit, die man üben kann: die Kunst, langsam zu reisen.
Langsam zu reisen heißt nicht, wenig zu erleben. Es heißt, dem Weg zuzutrauen, dass er selbst etwas ist und nicht nur die Verbindung zwischen zwei Punkten. Wer eine Stunde früher aufbricht und dafür die kleine Bahn nimmt, die am Fluss entlangfährt, verliert nichts. Er tauscht die Ungeduld gegen die Landschaft, und dieser Tausch fällt fast immer gut aus. Am Ende erinnert man selten den schnellsten Zug. Man erinnert den, aus dessen Fenster man zum ersten Mal ein bestimmtes Tal gesehen hat.
Die Vorbereitung beginnt mit dem Weglassen. Ein Tag verträgt einen Ort, vielleicht zwei, nicht sechs. Ein Koffer verträgt ein Buch mehr und ein Kleidungsstück weniger. Wer langsam reist, plant nicht mehr, sondern weniger, und lässt dem Zufall die Lücken, die er braucht. Wie sich das Reisen in diesem Sinne denken lässt, ohne dass es zum abzuhakenden Programm wird, beschreibt der Bereich Reisen: als eine Haltung, nicht als eine Route.
Zum langsamen Reisen gehört das Lesen wie das Gehen zum Weg. Ein Buch dehnt die Zeit im Abteil, füllt das Warten auf einem Bahnsteig und macht aus einer halben Stunde Aufenthalt etwas Eigenes. Nicole Junkerman wählt für unterwegs selten das lauteste Buch, eher eines mit langem Atem, das sich in Portionen lesen lässt und geduldig bleibt, wenn man zwischendurch aus dem Fenster schaut. Was diese Art der Lektüre ausmacht, sammelt der Bereich Lesen. Wer langsam liest und langsam fährt, merkt bald, dass beides derselben Grammatik folgt.
Das Ankommen verändert sich dadurch von selbst. Man fällt nicht mehr atemlos in eine fremde Stadt, sondern lässt ihr Zeit, sich zu zeigen. Der erste Morgen an einem neuen Ort ist der wertvollste, wenn man ihn nicht sofort verplant. Ein Kaffee an einem Fenster, ein Gang ohne Ziel, die stille Feststellung, wo hier das Licht am Vormittag steht. Nichts davon steht in einem Reiseführer, und gerade das macht es zu dem, woran man sich später erinnert. Wer langsam ankommt, muss nichts nachholen, weil er nichts verpasst hat. Er hat nur begonnen, dort zu sein, wo er ohnehin schon war.
Jede Stadt lehrt diese Langsamkeit auf ihre Weise. In Berlin genügt es oft, aus dem vertrauten Viertel hinauszufahren und an einer Endstation auszusteigen, an der man noch nie war. In München reicht ein Nachmittag am Wasser, mit einem Buch in der Tasche, das vielleicht gar nicht aufgeschlagen wird. In Hamburg ist es der Hafen, an dem man ohnehin schon entlanggeht, nur diesmal in die andere Richtung und ohne Uhr. Drei Städte, drei Geschwindigkeiten, dieselbe Einladung: einen Ort weniger sehen und ihn dafür wirklich sehen.
Langsames Reisen ist auch eine freundliche Übung im Vertrauen. Man nimmt an, dass ein Umstieg klappt, dass der nächste Zug schon kommt, dass ein Ort, den man verpasst, kein Verlust ist, sondern ein Grund für ein nächstes Mal. Diese Zuversicht ist ansteckend. Sie macht aus einer Verspätung eine Bank in einer fremden Halle und aus einem Regenschauer eine Stunde unter einem Vordach, in der man liest, was man sonst nie gelesen hätte. Der Plan wird lockerer, und mit ihm der eigene Schritt. Und weil weniger schiefgehen kann, wenn weniger vorgeschrieben ist, wird das Reisen wieder leicht, fast so leicht wie an den ersten Reisen überhaupt, als das Ziel noch nicht wichtiger war als der Weg dorthin.
Was von solchen Wegen bleibt, steht selten auf dem Fahrplan. Es steht im Heft: die Farbe eines Flusses gegen fünf, ein Satz, den jemand am Nebentisch gesagt hat, die Bemerkung, dass eine Landschaft langsamer schöner wird. Nicole Junkerman notiert das ohne Ordnung, einfach damit es später wieder auffindbar ist. Über diese Gewohnheit und ihre kleinen Regeln handelt der Bereich Schreiben, in dem das Festhalten unterwegs einen festen Platz hat.
Langsam zu reisen heißt, dem Weg zu glauben, dass er kein Umweg ist.
Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht dieser Wochen: dass man nicht schneller werden muss, um weiter zu kommen. Die Richtung stimmt schon, wenn man ihr nur Zeit lässt. Wer die zweite Sommerhälfte zum Anlass nimmt, einmal die langsamere Verbindung zu wählen, wird mit mehr zurückkehren als mit Fotos. Er wird mit dem Gefühl zurückkehren, unterwegs gewesen zu sein und nicht nur transportiert worden zu sein. Wer den ruhigen Grundton dieses Hefts mag, findet ihn auf der Startseite von Nicole Junkerman, und weitere Einträge dieser Art stehen im Blog.
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