Nicole JunkermanLesen · Reisen · Notizen
Nicole Junkerman steht in einem hellen Türrahmen, die Arme locker verschränkt, im Hintergrund ein farbiges Wandbild

Notizen

Nicole Junkerman über den Oktober 2026

Der Oktober beginnt leise. Über ein Licht, das tiefer steht, und über Tage, die wieder eine Form annehmen.

Es gibt einen Morgen zu Beginn des Oktobers, an dem die Luft anders riecht als in der Woche davor. Angekündigt hat das niemand, und trotzdem hat sich etwas gedreht. Nicole Junkerman mag genau diesen Morgen, weil er nichts verlangt und dennoch alles verschiebt: die Farbe des Lichts, die Länge der Wege, den Ton, in dem man über den Tag spricht.

Der September war noch ein Übergang. Er trug Reste des Sommers und zugleich die ersten Verabredungen des Herbstes, und er fühlte sich an wie ein Raum, den man gerade erst eingerichtet hat. Der Oktober ist der erste Monat, der sich ohne Umschweife nach Herbst anfühlt. Er ist dunkler, kürzer und deutlich angenehmer, als man ihn in Erinnerung hat.

Das Licht steht tiefer und fällt schräger in die Zimmer. Es trifft Wände, die im Juli nie etwas abbekommen haben, und es macht gewöhnliche Dinge für eine halbe Stunde am Tag interessant. Wer das einmal bemerkt hat, wartet im folgenden Jahr darauf. Es ist eine kleine Freude, die sich nicht planen lässt und genau deshalb zählt.

Der Oktober nimmt den Tagen die Länge und gibt ihnen dafür eine Form zurück.

Mit dem Licht ändert sich auch, was sich am Abend richtig anfühlt. Die langen Abende draußen sind vorbei, und an ihre Stelle tritt etwas, das dem Lesen erheblich besser bekommt. Ein Buch hält im Oktober länger als im August. Man liest langsamer, aber man liest weiter, und am Ende des Monats liegt mehr hinter einem als im ganzen Sommer.

Auch die Wege werden andere. Ein Spaziergang im Oktober hat ein Ziel, ohne eines zu brauchen. Man geht, weil es gut riecht, weil Laub auf dem Weg liegt und weil eine halbe Stunde draußen den Rest des Tages ordnet. In den Städten wird das besonders deutlich: Parks, die im Sommer voll waren, gehören jetzt wieder denen, die einfach nur gehen wollen.

Und dann ist da die Sache mit den Plänen. Im September stand die Vorbereitung, jetzt steht die Ausführung an, und die ist erfreulich unspektakulär. Ein Vorhaben, das im August groß aussah, wird im Oktober einfach gemacht, in kleinen Abschnitten, an ganz gewöhnlichen Nachmittagen.

Das Schreiben hilft dabei mehr als jedes System. Ein Satz am Abend genügt, um zu wissen, wo man steht. Er muss nicht klug sein und schon gar nicht vollständig. Er muss nur ehrlich genug sein, dass man ihn in zwei Wochen wiedererkennt.

Der Oktober hat außerdem einen Vorteil, den man leicht übersieht: Er ist lang. Einunddreißig Tage, ohne Lücken in der Mitte, ohne die Unruhe des Dezembers. Wer sich für diesen Monat eine Sache vornimmt und sie ruhig verfolgt, kommt weiter als in jedem Sommermonat, und zwar ohne das Gefühl, sich angestrengt zu haben.

Am angenehmsten ist, dass der Monat keine Haltung verlangt. Er wird nicht gefeiert, er wird nicht abgerechnet, und niemand fragt am Ende, was daraus geworden ist. Er läuft einfach, und wer ihm ein wenig Aufmerksamkeit schenkt, bekommt sie mit Zinsen zurück.

Nichts davon braucht einen Vorsatz. Es braucht einen Morgen, an dem man die veränderte Luft bemerkt, und die Bereitschaft, den Tag danach ein wenig anders zu legen. Der Rest ergibt sich, wie es der Oktober so an sich hat. Weitere Notizen sammeln sich im Blog.

Zurück zum Blog